Vom göttlichen Platzwechsel hin zu einem Mit-Aushalten und friedlichen Mit-Fühlen sprach Präses Dr. Thorsten Latzel in seiner Predigt zu Karfreitag in der Mülheimer Petrikirche. Karfreitag stehe für die Momente, „Wo nichts mehr geht“, führte Präses Latzel in seine Predigt ein, wo man nichts mehr tun könne, außer innezuhalten und zuzuschauen. Er lud ein, gemeinsam mit Gott, der sich selbst auf die Seite des Leidenden begeben hat, einen Platz- und Blickwechsel zu vollziehen. Ein „Beziehungsereignis“ sei dieser Blickwechsel – weil er erlaubt, hinzuschauen und auch in dunklen Stunden mitzufühlen.

Wer den göttlichen Blickwechsel mitvollziehe, dem biete sich die Chance zur Versöhnung, so Latzel in seiner Predigt. „Wir stehen vor der Frage, welche Position wir selber einnehmen – bleiben wir Zuschauer, oder lassen wir uns hineinnehmen in den Platzwechsel? (…) Aus der Rolle der Zuschauer werden wir zu Befreiten und Erlösten.“
Gott zeige sich „im Aushalten, nicht im Eingreifen“, sagt Latzel mit Blick auf die Kriege in der Welt. ,Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott‘, das sei die Logik dieser Welt, „immer Hammer sein, nie der Amboss.“ Die göttliche Liebe zeige sich im Mitleiden und „nicht in einem epischen Finale, in der der Held am Ende die Übeltäter besiegt.“ Sie zeige sich darin, „dass Gott nicht die Gewalttäter tötet, sondern die Logik der Gewalt durchbricht. „Ganz anders als die Mächtigen damals wie heute – keine Flugzeugträger, kein Bombenhagel und Säbelrasseln, kein gotteslästerliches Gebet für den militärischen Sieg.“

Karfreitag sei „der Tag, an dem wir Gottes Ohnmacht aus Liebe mitaushalten und an dem wir durch diese Liebe verändert werden“, so Präses Latzel in der Predigt. Das verändere nicht nur den Menschen, sondern die Wirklichkeit. Mit dem Perspektivwechsel werde schließlich der Feindschaft der Platz entzogen. Versöhnung in Christus meine, dass die Feindschaft ihren Platz verliere. „Gottes Seitenwechsel, der Gewalt und hass den Platz entzieht, das ist die stille Revolution von Karfreitag.“ Der Seitenwechsel aus Liebe gelinge schließlich, „wenn es nicht mehr darum geht, dass ich meine Feinde besiegen muss, sondern mit Christus Frieden stifte.“
Der Gottesdienst ist auf dem YouTube-Kanal der gastgebenden Brückengemeinde Mülheim nachzuschauen: https://www.youtube.com/live/_9vmwkmnwDE
Die Predigt zu Karfreitag fügt sich ein in die diesjährige Osterbotschaft von Präses Dr. Thorsten Latzel.
In seiner Osterbotschaft zeigt Latzel als leitender Geistlicher der Evangelischen Kirche im Rheinland die Bedeutung der Festwoche im Kontext aktueller Krisen auf: „Unsere Welt ist oster-reif, dringend oster-reif, so wie schon lange nicht mehr. In der Kar- und Osterwoche geht es genau darum. Es geht um politische Gewaltherrscher, eine Gemeinschaft, die droht auseinanderzufliehen, Versöhnung, Verleugnung, Verrat – und um Hoffnung jenseits aller Horizonte.“ Die Frage der Gerechtigkeit werde am Ende nicht durch Gewalt entschieden. Da sei Christus vor.
Stichwort: Karwoche
Die Karwoche leitet sich vom althochdeutschen Wort „kara“ ab, das „Trauer“ oder „Klage“ bedeutet. Sie steht als Höhepunkt im christlichen Kirchenjahr für das Ende der Passions- und Fastenzeit und mündet in die Feier der Auferstehung Jesu Christi in der Osternacht. Die Karwoche beginnt mit dem Palmsonntag und der Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem. Der Gründonnerstag steht für das Gedächtnis an das letzte Abendmahl und der Karfreitag für Leiden und Sterben Christi.
