"Mut heißt auch, auszuhalten, dass man nicht alles weiß"

Fatemeh Hippler wurde im Iran geboren, war Journalistin, bevor sie das Land verlassen musste. Heute arbeitet sie im Flüchtlingsreferat des Kirchenkreises An der Ruhr und begleitet Menschen, die in Deutschland neu anfangen. Sie erzählt, wo sie Mut braucht – und warum unsere Gesellschaft ihn dringender braucht, als viele denken.

Liebe Frau Hippler, Sie arbeiten als Migrationsberaterin im Flüchtlingsreferat des Kirchenkreises An der Ruhr. Wo begegnet Ihnen Mut in Ihrem beruflichen Alltag?

Mut begegnet mir in dieser Arbeit ständig, oft an Stellen, an denen man ihn auf den ersten Blick nicht vermutet. Migrationsberatung wird häufig als reine Sacharbeit wahrgenommen: Formulare erklären, Briefe übersetzen, Zuständigkeiten klären. Natürlich gehört das dazu. Aber hinter jedem Schreiben, hinter jedem Termin stehen Menschen mit sehr unterschiedlichen Geschichten. Viele sind neu in diesem Land, viele verstehen die Sprache noch nicht gut, viele haben Angst, etwas falsch zu machen und durch einen kleinen Fehler alles zu verlieren.

Unsere Aufgabe in der Migrationsberatung ist es, zwischen diesen Welten zu vermitteln. Wir übersetzen nicht nur Sprache, sondern auch Systeme. Dafür braucht man Mut, weil man sich immer wieder auf Unsicherheit einlässt. Ich weiß nie genau, was im Gespräch auftaucht, welche Erfahrungen erzählt werden, welche Verletzungen sichtbar werden. Manche Menschen bringen zehn Behördenbriefe mit, andere nur den letzten. Dann beginnt eine Art Detektivarbeit: Was ist vorher passiert? Was wurde vielleicht nicht verstanden oder ignoriert?

Gleichzeitig braucht es Mut, um Beziehung aufzubauen. Vertrauen entsteht nicht automatisch. Viele meiner Klientinnen und Klienten haben schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht oder Angst, dass Informationen gegen sie verwendet werden könnten. Ich muss immer wieder klar sagen: Ich bin keine Behörde, ich bin Beraterin. Ich bin auf deiner Seite. Ich will verstehen, um helfen zu können. Ohne dieses Vertrauen funktioniert die Arbeit nicht.

Fatemeh Hippler ist Migrationsberaterin beim Kirchenkreis An der Ruhr (Foto: Köhring)

 

Sie beschreiben sich selbst als mutig, aber auch als schüchtern. Wie erleben Sie diesen Widerspruch?

Für mich ist das kein Widerspruch. Mut bedeutet nicht, laut oder furchtlos zu sein. Ich bin tatsächlich ein eher schüchterner Mensch, vor allem bei Telefonaten. Und trotzdem gehört es zu meinem Job, regelmäßig bei Jobcenter, Agentur für Arbeit oder anderen Stellen anzurufen, nachzufragen, auch wenn es unangenehm ist.

Ich merke oft, dass ich innerlich denke: lieber nicht. Aber ich mache es trotzdem. Nicht, weil es mir leichtfällt, sondern weil es notwendig ist. Mut heißt für mich, Dinge zu tun, obwohl sie Überwindung kosten.

Das sehe ich auch bei vielen Klientinnen und Klienten. Mut zeigt sich da nicht in großen Gesten, sondern in kleinen Schritten. Ein Brief wird geöffnet, ein Termin wahrgenommen, ein Formular selbst unterschrieben. Manche erwarten, dass wir alles für sie erledigen. Dann sage ich bewusst: Deinen Namen kannst du selbst schreiben. Ich bin da, um zu unterstützen, nicht um dir alles abzunehmen. Das ist wichtig, weil es um Selbstständigkeit geht. Integration heißt nicht, versorgt zu werden, sondern handlungsfähig zu werden.

 

Ihre Arbeit ist emotional sehr fordernd. Wie gehen Sie mit Enttäuschungen um?

Enttäuschungen gehören dazu, das lässt sich nicht vermeiden. Es gibt Menschen, bei denen man früh merkt, dass sie im Moment nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen oder sich weiterzuentwickeln. Andere kommen immer wieder mit denselben Problemen, ohne etwas zu verändern. Das kann frustrierend sein.

Ich versuche trotzdem, nicht zu urteilen. Viele Menschen sind massiv überfordert. Sie haben gleichzeitig mit Sprache, Geld, Familie, Behörden und Zukunftsangst zu tun. Vertrauen entsteht nicht sofort. Beziehung braucht Zeit. Manchmal viele Gespräche, manchmal gelingt es gar nicht. Auch das muss man aushalten.

Sehr wichtig ist für mich Abgrenzung. Viele Menschen kommen mit dem Gefühl, alles sei ein Notfall. Für sie fühlt es sich so an, und das nehme ich ernst. Aber ich muss unterscheiden: Was bringt wirklich ihre Sicherheit oder ihre Aufenthaltsgenehmigung in Gefahr – und was ist ein Problem, das sich lösen lässt? Wenn ich alles als Krise behandle, halte ich diese Arbeit nicht lange durch.

Abgrenzung ist also kein Mangel an Mitgefühl, sondern notwendig, um langfristig gesund zu bleiben. Dabei helfen mir der Austausch im Team, feste Strukturen und auch die klare Definition dessen, was wirklich dringend ist. Nicht jede Mahnung ist ein Notfall. Nicht jedes Problem muss sofort gelöst werden.

 

Sie sind Iranerin, haben in Teheran studiert und als Journalistin gearbeitet. Sie haben erlebt, was es heißt, in einem autoritären System zu leben. Prägen diese Erlebnisse Ihren Blick auf Deutschland?

1979, nach dem Sturz des Schahs durch die islamische Revolution, kam Ayatollah Chomeini an die Macht. Seither gab es immer wieder politische Unruhen im Iran. Ich wurde 1982, mitten im Iran-Irak-Krieg, geboren. Meine Stimme bei Wahlen war lange Zeit eines der wenigen Instrumente, die ich hatte, um überhaupt etwas zu verändern. Auch das wurde mir irgendwann genommen. Ich habe also selbst politische Repression in meiner Heimat erlebt.

Deshalb ist Demokratie für mich nichts Abstraktes. Rechtsstaatlichkeit, freie Medien und eine starke Zivilgesellschaft sind keine Selbstverständlichkeiten. In Deutschland erlebe ich oft, dass Menschen sagen: Meine Stimme bringt doch nichts. Oder: Politik interessiert mich nicht. Das ist für mich schwer nachvollziehbar, weil es hier so viele Möglichkeiten gibt, sich einzubringen.

Ich sehe mit Sorge, wie Unzufriedenheit zunehmend auf Migration projiziert wird. Viele Probleme liegen woanders: in wirtschaftlichen Fragen, in Infrastruktur, in sozialen Ungleichheiten. Aber es ist einfacher, Schwächere in den Fokus zu stellen. Das ist historisch nichts Neues.

Aus meiner Erfahrung weiß ich: Demokratische Räume werden nicht plötzlich geschlossen. Sie werden schrittweise enger, wenn sie nicht genutzt werden. Oft merkt man es erst, wenn es fast zu spät ist.

 

Was bedeutet Mut für Sie – auch mit Blick auf unsere Gesellschaft?

Ich glaube, vielen fehlt nicht der Mut, sondern das Gefühl der Dringlichkeit. Eigentlich geht es uns in Deutschland ja sehr gut. Und doch wäre es klug, aufzustehen und Dinge anzusprechen. Mut zeigt sich nicht nur auf Demonstrationen. Er zeigt sich im Alltag: im Widerspruch, wenn jemand in der Bahn beleidigt wird; wenn man das Gespräch sucht, obwohl es unangenehm ist.

Besonders wichtig ist mir die Dialogkultur. Viele Menschen glauben, ein politisches Gespräch müsse automatisch eine Debatte oder ein Streit sein. Dabei geht es im Dialog zuerst darum, zu verstehen, warum jemand denkt, wie er denkt. Das bedeutet nicht, alles zu akzeptieren. Aber ohne Zuhören entsteht nur Verhärtung.

Mut heißt hier auch, auszuhalten, dass man nicht sofort Recht bekommt und dass man selbst nicht alles weiß. Wir müssen lernen, wieder mehr zuzuhören, statt nur Positionen auszutauschen. Mut beginnt oft leise. Aber ohne ihn verlieren wir sehr viel – als Gesellschaft und als Gemeinschaft.

 

Bei all den Belastungen, den politischen Entwicklungen und den persönlichen Erfahrungen, die Sie schildern: Was gibt Ihnen Hoffnung?

Hoffnung kommt für mich nicht aus großen politischen Versprechen oder schnellen Lösungen. Sie kommt aus konkreten Begegnungen. Aus Momenten, in denen Menschen anfangen, sich selbst ernst zu nehmen. Wenn jemand, der am Anfang völlig überfordert war, irgendwann seine Briefe selbst liest, rechtzeitig reagiert oder mir sagt: „Ich habe das diesmal alleine geschafft.“ Das sind kleine Schritte, aber sie sind enorm wichtig.

Hoffnung erlebe ich auch, wenn Menschen merken, dass sie nicht allein sind. Dass sie Fragen stellen dürfen, Fehler machen dürfen und trotzdem weiterkommen. Diese Erkenntnis verändert viel. Sie nimmt Angst und schafft Handlungsspielraum.

Gesellschaftlich gibt mir Hoffnung, dass wir in Deutschland Räume haben, um Dinge zu verhandeln. Wir haben eine funktionierende Zivilgesellschaft, Bildungsangebote, Initiativen, engagierte Menschen. Das ist nicht selbstverständlich. Aber diese Räume bleiben nur offen, wenn wir sie nutzen.

Hoffnung entsteht durch Handeln. Durch Zuhören, durch Dialog, durch das Aushalten von Unterschiedlichkeit. Und durch den Mut, sich einzumischen, bevor alles eskaliert. Solange Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für andere –, gibt es Grund zur Hoffnung.

 

Zur Person

Dr. Fatemeh Hippler ist im Iran aufgewachsen, studierte an der Universität in Teheran und arbeitete als Journalistin, bevor sie das Land aufgrund politischer Repressionen verlassen musste.

Heute lebt die Politikwissenschaftlerin, die mithilfe eines Brot-für-Welt-Stipendiums an der Uni Augsburg promovierte, in Deutschland. Sie ist affiliierte Forscherin am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung der TU Dresden und engagiert sich in der Migrationsberatung im Kirchenkreis An der Ruhr. Dort begleitet sie Zugewanderte, um ihnen Orientierung zu geben und sie auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben in Deutschland zu stärken. Diese Beratung versteht sich als ergänzendes Angebot zu Behörden und setzt auf Vertrauen, Dialog und individuelle Begleitung.

 

Stichwort „Mut“

Der Kirchenkreis An der Ruhr lädt 2026 zu einer Themenreihe „Mut!“ ins Mülheimer Haus der Kirche ein. Zu Gast sind: Jonas Goebel, Michelle Engel und David Grüntjens, Natascha Sagorski sowie Gilda Sahebi.

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Text/Interview: Carsten Tappe

Foto(s): © PR-Fotografie Köhring

Der Text ist zuerst erschienen in den RUHRseiten – Magazin der Ev. Brückengemeinde Mülheim, Ausgabe 1/2026

  • 21.04.2026
  • Annika Lante
  • PR-Fotografie Köhring