Am 7. Mai 2026 endet im polnischen Cieszyn der dreitägige Kongress von „Hoffnung für Osteuropa“ . Zweieinhalb Jahre nach dem letzten Treffen in Rumänien sind Vertreter*innen der Hilfsaktion von evangelischen Landeskirchen und Diakonischen Werken in der polnisch-tschechischen Grenzstadt zusammengekommen, um über weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu beraten. Am Rande des Kongresses sprachen Jiří Schneider, Synodalkurator der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder, und Jerzy Samiec, Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, im Interview über den Umgang ihrer Kirchen mit einem wachsenden Nationalismus in Europa.
Herr Schneider, Herr Bischof Samiec, Europa hat an vielen Stellen mit einem Erstarken des Rechtspopulismus und Nationalismus zu kämpfen. Wie verhalten sich Ihre Kirchen in Ihren Ländern zu dieser Entwicklung?
Jiří Schneider: Der Einfluss von Populismus und Nationalismus betrifft alle Kirchen. Als Vertreter der evangelischen Kirche EKBB warnen wir bei jeder passenden Gelegenheit vor Populismus und Extremismus. Zugleich ist uns bewusst, dass sich in unseren Kirchen und unter den Kanzeln Wähler aller politischen Überzeugungen begegnen. Das führt zu Spannungen innerhalb der Gemeinden und manchmal sogar innerhalb von Familien.
Jerzy Samiec: Die evangelische Kirche in Polen versucht, sich nicht direkt in die aktuelle parteipolitische Auseinandersetzung einzumischen. Ihre Stimme konzentriert sich darauf, grundlegende christliche Werte zu betonen, wie die Würde jedes Menschen, Respekt, soziale Verantwortung oder die Sorge für die Schwächeren. Mit Blick auf den zunehmenden Rechtspopulismus und Nationalismus bedeutet das, die Notwendigkeit von Dialog, Offenheit und die Vermeidung einer Sprache der Ausgrenzung hervorzuheben. Wir wollen in der öffentlichen Debatte eine Gewissensstimme sein, indem wir auf Gefahren von sozialer Spaltung und Fremdenfeindlichkeit oder die Instrumentalisierung von Religion für politische Zwecke hinweisen.

In Deutschland geraten auch Kirchen mittlerweile massiv unter Druck, wenn sie sich beispielsweise kritisch zur AfD äußern. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Schneider: Hasskommentare haben sich Kirchenvertreter eingehandelt, als sie sich gegen fremdenfeindliche Äußerungen eines Vertreters einer extremistischen Partei abgegrenzt haben, der mit Unterstützung der aktuellen Koalition Vorsitzender der Abgeordnetenkammer des Parlaments ist.
Samiec: In Polen kann man rechtspopulistische Gruppierungen wie das Parteienbündnis Konföderation oder auch die Konföderation der Polnischen Krone von Grzegorz Braun nennen. Die evangelische Kirche nimmt aber keine Stellung zu konkreten politischen Parteien und kommentiert deren Tätigkeit nicht direkt. Daher gibt es bei uns keine Situation, die mit der in Deutschland vergleichbar wäre.
„Wir bevorzugen die Debatte von Angesicht zu Angesicht“
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie aus christlicher Perspektive politische Entwicklungen kritisieren und zugleich wissen, dass Anhänger dieser Entwicklungen auch in Ihren eigenen Reihen zu finden sind?
Schneider: Wir bemühen uns, Regeln der gegenseitigen Kommunikation zu betonen, und bevorzugen die Debatte von Angesicht zu Angesicht. Wortgefechte mit Mitgliedern der eigenen Kirche in sozialen Netzwerken vermeiden wir. Problematisch ist, dass einige unserer Mitglieder sich dort regelrecht austoben.
Samiec: Wenn wir politische Entwicklungen oder Entscheidungen aus christlicher Perspektive kritisch betrachten, beziehen wir uns auf Prinzipien, nicht auf Personen oder bestimmte Milieus. Dabei sind wir uns bewusst, dass auch unter unseren Gläubigen unterschiedliche Bewertungen derselben Prozesse existieren. Deshalb ist es uns besonders wichtig, den Dialog in gegenseitigem Respekt zu führen, eine Sprache der Ausgrenzung zu vermeiden und trotz der Unterschiede die Einheit zu fördern. Man kann sicher sagen, dass die Sympathien eines Teils unserer Mitglieder eher der aktuellen Regierungskoalition gelten, aber als Kirche bleiben wir ein offener Raum für alle.

Immer wieder war und ist zu beobachten, dass populistische Kräfte demokratische Institutionen gezielt schwächen und beschädigen. Sind die Beschädigungen nach Ihrem Eindruck bereits irreparabel, wenn, wie 2023 in Polen oder aktuell in Ungarn, der Rechtspopulismus wieder abgewählt wird?
Schneider: Die Schäden sind reparabel, solange es gelingt, den Konsens aufrechtzuerhalten, dass das System der verfassungsmäßigen Gewaltenteilung und des Rechtsstaates besser ist als ein schnelles und scheinbar effektives autoritäres Regieren.
Samiec: Die Zerstörung demokratischer Institutionen ist in der aktuellen Situation politischer Zersplitterung schwer rückgängig zu machen. Dies betrifft insbesondere die Justiz in Polen, deren Zustand in hohem Maße irreversibel erscheint. Infolge der Veränderungen bei Organen wie dem Verfassungsgericht oder dem Obersten Gerichtshof kam es nicht nur zu deren Politisierung, sondern vor allem zu einer tiefen Zersplitterung der Rechtsordnung. Das bedeutet, dass das System seine grundlegende Eigenschaft verloren hat: Rechtssicherheit. Die Irreversibilität liegt an dem Vertrauensverlust, dem rechtlichen Chaos und den dauerhaften personellen Folgen, da richterliche Ernennungen und Urteile nicht einfach rückgängig gemacht werden können, ohne die Grundlagen des Rechtsstaates zu erschüttern. Selbst wenn es zu einem Regierungswechsel kommt, gibt es keinen einfachen, rechtlich sauberen Weg zurück. Jeder Versuch der Korrektur bedeutet eine Entscheidung zwischen verschiedenen Prinzipienverletzungen: entweder Beibehaltung des fehlerhaften Zustands oder seine Korrektur auf Kosten der rechtlichen Stabilität.
„Ein demokratisches System verdient Unterstützung“
Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Verantwortung der Kirchen, sich für den Erhalt der Demokratie einzusetzen?
Schneider: Es handelt sich um die Verantwortung von Christinnen und Christen als Bürgerinnen und Bürger. Der Anspruch auf eine gerechte Ordnung der Gesellschaft und eine ordentliche Regierungsführung kann von Christen an jede Form von Regierung gestellt werden. Ein demokratisches System, in dem Kritik an den Mächtigen den Einzelnen keinem Risiko der Verfolgung aussetzt und in dem ein Regierungswechsel gewaltfrei möglich ist, wird diesem Anspruch gerecht. Deshalb verdient es Unterstützung.
Samiec: Religiöse Gemeinschaften haben einen wichtigen sozialen und moralischen Einfluss und dürfen daher gegenüber Bedrohungen grundlegender Werte wie Menschenrechten, richterlicher Unabhängigkeit oder Schutz von Minderheiten nicht gleichgültig bleiben. Die Größe einer Institution bestimmt nicht ihre Bedeutung in der öffentlichen Debatte. Auch kleinere Kirchen können durch konsequente Stellungnahmen in gesellschaftlichen Fragen die Schwächsten unterstützen, an die Einhaltung des Rechts erinnern und bürgerschaftliche Haltungen stärken, ohne ihre geistliche Mission zu verletzen.
Als Kirchenvertreter: Was ist das beste Mittel, um Nationalismus und Rechtspopulismus zu begegnen?
Schneider: Hass zurückzuweisen und die Achtung vor der Würde des anderen zu bewahren. Und an der guten evangelischen Tradition des kritischen Denkens und des kultivierten Dialogs festzuhalten.
Samiec: Zentrale Wege sind die klare Lehre von der Würde jedes Menschen, Gewissensbildung statt politischer Parteinahme, der Widerspruch gegen ausgrenzende Sprache, der Aufbau von Gemeinschaft über Grenzen hinweg und der Umgang mit vereinfachenden politischen Narrativen. Eine wirksame Antwort besteht nicht darin, eine politische Seite zu bekämpfen, sondern konsequent eine evangelische Sicht auf den Menschen zu fördern – geprägt von Liebe, Würde und Solidarität.
Wie groß ist nach dem Überfall auf die Ukraine in den Ländern Osteuropas die Sorge vor einer Ausweitung des Kriegs?
Schneider: Die Angst ist präsent, doch ein Teil der Gesellschaft möchte sie nicht wahrhaben und beruhigt sich mit der Vorstellung, dass es uns nicht betreffe. Manche Menschen lähmt diese Angst, andere wiederum mobilisiert sie zur Unterstützung der Ukraine.
Samiec: In Polen sind die Sorgen groß. Meinungsumfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Polen glaubt, dass Polen in Zukunft von einem bewaffneten Konflikt bedroht sein könnte. Ein großer Teil der Bevölkerung fürchtet vor allem ein Übergreifen durch Grenzzwischenfälle, Raketenangriffe oder Cyberangriffe. Gleichzeitig geht die Mehrheit nicht von einem unmittelbaren Krieg mit Russland aus. Die Polen sind besorgt, aber es dominieren eher Vorsicht und Bereitschaft als Panik.

Welche Hoffnung verbinden Sie gerade auch vor diesem Hintergrund mit „Hoffnung für Osteuropa“?
Schneider: Das Projekt bietet die Gelegenheit, unterschiedliche Wahrnehmungen der Risiken von Populismus und militärischen Konflikten sowie die Weise zu teilen, wie die Länder Mitteleuropas mit diesen Herausforderungen umgehen.
Samiec: Der wichtigste Aspekt dieser Initiative ist der Aufbau und die Pflege von Beziehungen zwischen Christen verschiedener Kirchen in Polen und Deutschland. Es geht nicht nur um materielle Hilfe oder karitative Projekte, sondern vor allem um Begegnung, Dialog und gemeinsame Glaubenserfahrung. Solche Kontakte helfen, historische Stereotype und Barrieren zu überwinden. Langfristig kann das zu einer größeren Einheit der Christen und einer bewussteren Zusammenarbeit in Osteuropa führen.
