Gilda Sahebi: "Die anderen" sind meist anders als man denkt

Wie „wir“ über „die anderen“ denken, ist oft mehr durch Projektion bestimmt als durch Evidenz. Gilda Sahebi lud ein zum genauen Hinschauen und zum Differenzieren, denn selten sei das Leben nur schwarz und weiß. Beispiele, die zeigen, dass sich das lohnt, brachte sie mit zu Ihrer Lesung aus ihrem aktuellen Bestseller „Verbinden statt Spalten“ im Mülheimer Haus der Kirche.

„Die anderen“ denken oft anders, als man so meint – das zeigte Gilda Sahebi anhand eines Forschungsbeispiels des Soziologen Steffen Mau. Die Probanden glaubten, dass 45% aller Befragten der Meinung seien, es solle Sozialleistungen für in Deutschland arbeitende Ausländer geben. Real waren aber 88 Prozent dafür. – Sollte die angeblich so polarisierte Gesellschaft real vielleicht gar nicht existieren?

Gilda Sahebi bei der gut besuchten Lesung im Mülheimer Haus der Kirche

Weiter geht’s mit den Zuschreibungen: In den USA hielten Demokraten eine Mehrzahl der Republikaner für steinreich, während diese rund ein Drittel der Demokraten in der LGBTIQ-Community vermuteten. „Das Bild über die Anderen richtet sich oft nach der eigenen Projektion“, fasste Sahebi die Forschungsergebnisse zusammen. Und warb fürs Würdigen der Grautöne: „Im politisch-medialen Raum sehen wir oft nur die Extreme, selten das, was dazwischen liegt.“

Ja, es gelte, gesellschaftliche Missstände zu benennen und anzugehen, strukturellen Rassismus ebenso wie Frauenfeindlichkeit. „Aber gesellschaftliche Probleme zu individualisieren, das bringt es einfach nicht.“ Es helfe nicht, sich einen einzelnen rauszupicken und sich demonstrativ von dessen Verhalten abzugrenzen, auch nicht bei so prominenten Fällen wie jüngst Christian Ulmen, dem sexualisierte Gewalt vorgeworfen wird, oder bei den Feiernden auf Sylt, die „Ausländer raus“ als Partyhymne sangen. Sahebi: „Alle können dann sagen: Die sind rassistisch – aber wir doch nicht!“ Wenn keiner den „eigenen Schatten“ sehen wolle, kommt die Gesellschaft nicht weiter, das machte Sahebi deutlich.

„Wir alle wollen zu einer Gruppe gehören, nur so kommen wir durchs Leben, alleine geht es nicht. Dazu gehört es auch, sich anderen gegenüber abzugrenzen,“ beschrieb Gilda Sahebi die allzu menschliche Grundlage dieser sozialen Mechanismen. „Schwierig wird es dann, wenn die Abgrenzung politisch instrumentalisiert wird“. Da werde -auch von Politikern- bewusst die Karte der affektiven Polarisierung gezogen. „Demokraten tun das auch, aber Autoritäre können nicht ohne.“

Gilda Sahebi mit Superintendent Michael Manz

Welchen Rat sie den zahlreich erschienenen Zuhörer*innen und Mitdiskutierenden im Haus der Kirche mitgeben könne, wollte Superintendent Manz zum Abschluss des Abends wissen. – Eigentlich ginge es ihr hauptsächlich darum, das Bewusstsein für die geschilderten sozialpsychologischen Mechanismen zu schärfen, räumte die Autorin ein. Einen Tipp hatte Sie dann doch: „Nach meinen Interviews im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es hinterher immer acht oder neun Wut-Mails an die Redaktion. Schreiben Sie denen doch auch mal, und wenn Sie wollen, sagen Sie vielleicht auch: ,Schön, dass es so differenziert war!‘“.

Gilda Sahebi war der letzte Gast im Rahmen der diesjährigen „Mut!“-Veranstaltungsreihe des Evangelischen Kirchenkreises An der Ruhr, vor ihr kamen nach Mülheim: Michelle Engel und David Grüntjens, Jonas Goebel und Natascha Sagorski. Über weitere Veranstaltungen im Kirchenkreis An der Ruhr informiert die Webseite auf https://kirche-muelheim.de/veranstaltungen/

  • 24.04.2026
  • Annika Lante
  • Red