Zurück in der Manege

Der kleine Circus Ronelli lädt nach der Zwangspause in der Pandemie wieder zur Show im Zirkuszelt ein. Familie Trumpf kann wieder nach vorne schauen. Und auch in der Schule für Circuskinder der Evangelischen Kirche im Rheinland herrscht Aufbruchstimmung, berichtet Schulleiterin Eva Röthig.

Skyla erinnert sich genau an diesen Moment im vergangenen Sommer. Nach acht Monaten durfte ihre Familie wieder Zuschauer im Zirkuszelt empfangen. Die Corona-Regeln waren gelockert worden. Und im Circus Ronelli waren schnell die nötigsten Vorbereitungen getroffen worden, um nach der Zwangspause wieder durchstarten zu können – als einer der ersten Zirkusse landesweit. „Ich war viel aufgeregter als früher“, erzählt Skyla, „und ich habe mich mega gefreut.“ Der schönste Teil des Tages sei schließlich immer der, wenn sie in ihr Kostüm schlüpfe, sich viel Mühe gebe mit Schminke und Haaren und dann durch den Vorhang die Manege betrete, sagt die Neunjährige und schüttelt ihre langen, glänzenden Haare. „Für manche Sachen fehlt mir jetzt allerdings noch ein bisschen die Kraft“, erzählt sie, „während Corona bin ich irgendwie schwächer geworden.“

Familie Trumpf reist nach den Lockdowns wieder mit ihrem Circus Ronelli durch das Land.

Die Pandemie hat Spuren hinterlassen

Maike Trumpf lächelt ihre Tochter an. „Ja, die Zeit hat Spuren hinterlassen“, erzählt sie und blickt dann zur Spitze des großen Zeltes, das sie mit Ehemann Fernando in der Woche vor Ostern in Hachenburg in Rheinland-Pfalz aufgebaut haben. An diesem Mittwochvormittag herrscht eine betriebsame Stimmung auf dem großen Festplatz. Am nächsten Tag wird die nächste Show stattfinden. „Es ist einer der schönsten Plätze“, sagt Maike Trumpf, „wir sind froh, dass wir wieder hier sein können.“ Bis August hat die 33-Jährige inzwischen Termine für Plätze vereinbart. Familie Trumpf blickt wieder nach vorne. „Aber die Pandemie hat uns doch verändert“, sagt die vierfache Mutter – und denkt dabei nicht nur an die Kraftreserven ihrer Tochter. Sie seien vorsichtiger geworden, leben heute sparsamer. Die anhaltende Pandemie, der Krieg, die Spritpreise: „Wir Erwachsenen machen uns viel mehr Sorgen als früher“, sagt Maike Trumpf, „die Leichtigkeit, die wir lange lebten, ist verschwunden“. Und dann erzählt sie von dem kräftezehrenden Kampf der vergangenen Jahre, von der Sorge um die eigene Existenz, von der bewegenden Unterstützung der Menschen, von ihrer Enttäuschung über politische Entscheidungen und von ihrem Überlebenswillen. „Das ist unser Leben“, sagt sie, „das geben wir nicht einfach auf. Wir kämpfen.“

„Das war der schönste Tag im vergangenen Jahr“

Fürs erste hat Familie Trumpf diesen Kampf gewonnen. Seit vergangenem Juni kehren die Besucher in das Zirkuszelt zurück. „Es kommt ein bisschen auf die Region an, wie mutig die Menschen sind“, sagt Maike Trumpf, „zwischenzeitlich hatten wir das Gefühl, die Zuschauer sind richtig ausgehungert nach unserer Show.“ Und ein bisschen ging es auch der Familie selbst so. Der Duft der Popcornmaschine, die gemeinsamen Proben, das Pony und die Ziegen, die Akrobatik und der Auftritt der Clowns: „Der Tag, an dem wir wieder öffnen durften, war der schönste im ganzen vergangenen Jahr“, sagt Maike Trumpf – und ihre Töchter Skyla und Melina (13) nicken. Währenddessen hat Neveo, einer der beiden Zwillinge von Maike und Fernando Trumpf, gerade ein ganz anderes Anliegen: „Ich will kein Clown sein“, sagt der Sechsjährige entschieden, „ich will das einfach nicht.“ Maike Trumpf lacht ihren Sohn an: „Wir hatten uns das so schön vorgestellt“, erzählt die 33-Jährige dann und schmunzelt. „Unsere Zwillinge als Clowns. Aber hier wird keiner gezwungen.“ Während Neyphan also in das Clownskostüm schlüpft, sucht Neveo noch seine Rolle. Vor der Pandemie war er gerade drei geworden. Jetzt ist er ein Schulkind und mittendrin, wenn die Show in der Manege beginnt.

Die Zwillinge Neyphan und Neveo (r.) besuchen die Ziegen.

Auch die Schule für Cirkuskinder ist wieder unterwegs

„Es ist richtig schön, zu sehen, wie es wieder losgeht“, erzählt unterdessen auch Eva Röthig, Leiterin der Schule für Circuskinder der Evangelischen Kirche im Rheinland. Rund 30 Lehrerinnen und Lehrer sind mit den Schul-Mobilen im Rheinland unterwegs, um den Zirkuskindern zweimal in der Woche Präsenzunterricht anbieten zu können. Die restliche Zeit setzt die Schule auf Online-Unterricht – schon lange, bevor die Pandemie begann. „Im Moment spüren wir im Unterricht oft die Aufregung vor ersten Premieren“, erzählt die Schulleiterin. Zirkus-Familien, die den Neustart im vergangenen Jahr noch nicht wagten, sind in der gerade beginnenden Saison wieder dabei. Dann würden Kinder auch mal ohne Hausaufgaben in den Unterricht kommen. Sie sei zu nervös und hätte deswegen ganz viel geprobt, habe ein Mädchen neulich erzählt, berichtet die Schulleiterin. „Wir freuen uns total über diese Stimmung und die Kollegen besuchen in diesen Tagen und Wochen auch viele Premieren“, sagt sie. Vielen der Kinder habe während des kulturellen Lockdowns die Hälfte ihres Lebens gefehlt. Für andere sei es ein kompletter Neustart, weil sie vor Corona noch zu jung gewesen seien, um mitzumachen. „Auf unseren Schulalltag hat die Pandemie keinen so großen Einfluss gehabt“, sagt Eva Röthig und denkt an routinierten Online-Unterricht, „auf die Kinder und ihren Alltag aber schon.“

Im Juni steht das große Sommerfest an

Im Juni lädt die Schule für Circuskinder der Evangelischen Kirche im Rheinland zum ersten Mal wieder zum großen Sommerfest ein – dann sind alle Kinder und ihre Familien willkommen. Viele, die gerade in der Nähe gastieren, machen sich traditionell auf den Weg zum großen Fest. Die Kinder feiern Ein- und Ausschulung. Und Eva Röthig soll endlich offiziell in ihr Amt als Schulleiterin eingeführt werden. Das Fest findet in diesem Jahr bei Familie Trumpf im Circus Ronelli statt. „Mit Musik, Tanz, Feststimmung und Spielangeboten für die Kinder“, sagt die Schulleiterin. Dann wird Skyla mittendrin sein im fröhlichen Trubel. Womöglich hat sie dann ihre Kraft für die aufwändigen Nummern der Bodenakrobatik und des Hula-Hoop schon zurückgewonnen. Fest steht: Für den großen Tag wird sie sich ordentlich in Schale werfen. Einfach weil es Spaß macht. Und es endlich wieder Gelegenheit dafür gibt.

  • 14.4.2022
  • Theresa Demski
  • Theresa Demski